Dan-Brown-Leser fragen: Was ist Noetik?

Alles über die Geheimwissenschaft im Buch "Das verlorene Symbol"

16.10.2009 Wilhelm Ruprecht Frieling

In seinem Bestseller "Das verlorene Symbol" rührt Autor Dan Brown die Werbetrommel für eine Grenzwissenschaft namens Noetik. Doch was ist das?

Mit seinem Bestseller "Das verlorene Symbol" bedient Dan Brown wie schon in seinen früheren literarischen Welterfolgen Gralsfanatiker, Verschwörungstheoretiker, Mystiker und Geheimbündler ebenso ausgezeichnet wie Interessenten an Astrologie, Tierkreiszeichen und Sterndeutung. Geschickt baut der Autor eine Fülle von Fakten, Halbwahrheiten und Spekulationen über Geheimnisse von Astrologie und Architektur ein, die dann zwar jeweils sachlich richtig gestellt werden, tatsächlich aber immer neue Fragen aufwerfen.

Zwischen Wissenschaft und Mystizismus

Brown erwähnt Gott und das Universum, vermengt geschickt Physik, Philosophie, Bibelsprüche, Bildmetaphern aus Dürer-Gemälden und ein gutes Pfund Zahlensymbolistik. Seine Themen sind das kosmische Bewusstsein sowie das Verschmelzen menschlichen Denkens, das in Wechselwirkung mit Materie tritt und die Frage, ob der konzentrierte menschliche Geist die stoffliche Welt verändern kann.

Seine Protagonisten Katherine Solomon lässt Brown nach dem "Missing Link“ zwischen moderner Wissenschaft und antikem Mystizismus suchen und erklärt, sie habe ein Buch unter dem Titel "Noetische Wissenschaften, der moderne Weg zur alten Weisheit“ veröffentlicht. Zusätzlich weist der Autor bereits im Vorspann seines Werkes unter "Fakt“ auf die Existenz eines "Instituts für Noetische Wissenschaften“ hin.

Was bedeutet Noetik?

Der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff noetós, nous oder auch noos bezeichnet seit der Antike ganz allgemein die menschliche Fähigkeit, Sinnzusammenhänge zu erfassen. Homer, Platon und Aristoteles verwendeten den Begriff im Sinne von Vernunft, Intellekt oder Geist. Sie stellten sich darunter auch ein tieferes, erkenntnistheoretisches Sehen vor, das über das rein sinnliche Sehen hinausgeht. In diesem erweiterten Sinne wird der Begriff auch von modernen Esoterikern interpretiert.

Abgeleitet von noetós bezeichnet der Begriff "Noetik" die Lehre vom geistigen Erkennen im metaphysischen Sinne. Tatsächlich gibt es im kalifornischen Petaluma ein "Institut für Noetik“, das seit 1973 Phänomene wie Gedankenübertragung, Telepathie, Psychokinese und Hellsehen untersucht. Forscher um den Apollo-14-Astronauten Edgar Dean Mitchell befassen sich besonders mit der Bündelung geistiger Energien zwecks Veränderung von Materie. Sie untersuchen den Einfluss von Meditation auf die Veränderung und Heilung von Krebszellen und sind davon überzeugt, dass eine Bündelung geistiger Energien physikalisch wirken kann.

Noetik und das Phänomen der Emergenz

Dan Brown, der sich in mehreren Interviews positiv zur Noetik geäußert hat, lässt seine Protagonisten an einer Software zur Nutzung des Potentials der Metasystemprogrammierung arbeiten. Ausgangspunkt ist dabei die Beobachtung von Vogel- oder Fischschwärmen, die sich als Einheit bewegen und dabei das Phänomen der „Emergenz“ genannten Übersummenaktivität deutlich werden lassen. Diese Software soll der US-Regierung helfen, "globale Krisen – Pandemien, nationale Tragödien, Terrorismus und dergleichen – besser einschätzen und angemessen darauf reagieren zu können“.

Untersucht wird auch das Gewicht der menschlichen Seele, um damit die Existenz derselben zu beweisen. In "Das verlorene Symbol" wird eine Versuchsanordnung beschrieben, bei der das Gewicht eines Sterbenden unter klinischen Bedingungen gemessen wird. Danach wird der Körper im Augenblick des Hinscheidens um einige Gramm leichter, womit bewiesen sei, dass eine Feinstofflichkeit den Körper verlassen habe.

Das Institut für Noetik

Das "Institut für Noetik“ gibt vierteljährlich die Zeitschrift "Shift: At the Frontiers of Consciousness“ ("An den Grenzen der Wahrnehmung“) heraus. Diese rekrutiert Leser vor allem unter Esoterikern, Grenzwissenschaftlern und Interessenten an Para-Phänomenen. Die Forschungsergebnisse der Einrichtung werden von anderen Disziplinen allerdings als unwissenschaftlich kritisiert. Die amerikanische Non-Profit-Organisation Quachwatch (abgeleitet von "Quacksalber“) führt das Institut in ihrer Liste fragwürdiger Organisationen.

Dan Brown: Das verlorene Symbol. Lübbe 2009. Gebunden, 768 Seiten. Euro 26,00.

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